Warum das Thema in Hildesheim anders aussieht
In Hildesheim steht der ökologische Hebel meistens im Altbau. Die Fachwerk-Altstadt rund um den Marktplatz, die gründerzeitlichen Viertel und der Wiederaufbau-Bestand der Nachkriegszeit prägen die Stadt - Neubaugrundstücke sind die Ausnahme. Das verschiebt die wichtigste Frage: Nicht „Wie baue ich ein Passivhaus?", sondern „Wie sanierte ich ein altes Haus klimafreundlich, ohne seinen Charakter zu zerstören?" Und sobald ein Gebäude unter Denkmalschutz steht, kommen Solaranlage, Dämmung und Fenstertausch nicht an den üblichen Standardlösungen vorbei.
Die Stadt selbst arbeitet seit Jahren am Thema. Hildesheim nimmt am European Energy Award teil und erstellt derzeit eine kommunale Wärmeplanung, die festlegen soll, welche Viertel künftig über Wärmenetze und welche dezentral versorgt werden. Der Landkreis Hildesheim hat im März 2025 ein neues Klimaschutzkonzept beschlossen, das auf Treibhausgasneutralität bis 2040 zielt. Gebäude sind dabei einer der größten Brocken.
Kostenlos und unabhängig anfangen: die Energieberatung
Bevor Geld in Dämmung oder Heizung fließt, lohnt die unabhängige Erstberatung - und die ist im Landkreis Hildesheim kostenlos. Möglich macht das die Klimaschutzagentur Landkreis Hildesheim: Sie übernimmt den Eigenanteil von 40 Euro, den die Energieberatung der Verbraucherzentrale Niedersachsen normalerweise kostet. Für Bürgerinnen und Bürger aus Stadt und Landkreis ist die Beratung damit komplett gratis.
Das Angebot ist breiter, als viele denken. Es gibt die stationäre Beratung an festen Stützpunkten - unter anderem in Hildesheim selbst, dazu in Sarstedt, Alfeld, Harsum, Algermissen, Bockenem und Lamspringe. Es gibt die Vor-Ort-Beratung bei dir zu Hause, bei der ein Energieberater das Gebäude tatsächlich anschaut. Und es gibt thematische Beratungen rund ums Gebäude, um die alte Gas- oder Ölheizung und um bestehende Solaranlagen.
Eine ehrliche Einordnung gehört dazu: Diese kostenlose Beratung ersetzt keine Detailplanung. Energieausweise, KfW-Nachweise, Sanierungsfahrpläne mit Stempel oder Thermografie-Aufnahmen sind nicht enthalten - dafür brauchst du anschließend einen beauftragten Energieberater oder Planer. Als neutraler Einstieg, der Prioritäten sortiert und vor teuren Fehlentscheidungen schützt, ist sie aber kaum zu schlagen.
Energieberatung über die Klimaschutzagentur
Termine lassen sich auch direkt über die kostenlose Hotline der Verbraucherzentrale unter 0800 / 809 802 400 vereinbaren.
Wenn es konkret wird: das Energie-Beratungs-Zentrum
Sobald aus der Erstberatung ein echtes Sanierungsvorhaben wird, braucht es jemanden, der die Maßnahmen plant, Förderanträge begleitet und die Gewerke koordiniert. In Hildesheim sitzt dafür das Energie-Beratungs-Zentrum Hildesheim (ebz) an der Osterstraße - ein unabhängiges Kompetenzzentrum für Energie und Bauen, das Energieberatung, Energieausweise, Sanierungsbegleitung und Bauschadensbewertung anbietet und ein Partnernetzwerk aus Architekten, Solar-, Heizungs- und Dämmungsbetrieben bündelt.
Anders als die kostenlose Erstberatung ist das eine bezahlte Dienstleistung. Der Unterschied lohnt sich, sobald du über einzelne Maßnahmen hinaus denkst: ein ganzer Sanierungsfahrplan, ein Energieausweis für den Verkauf oder die Begleitung durch den Förderdschungel von BAFA und KfW.
Energie-Beratungs-Zentrum Hildesheim (ebz)
Fördergeld: Stadt, Land und Bund zusammendenken
Ökologisch sanieren ist teuer - und genau deshalb gibt es gestaffelte Förderung. In Hildesheim greifen drei Ebenen ineinander.
Die Hildesheimer Besonderheit: Solar auf dem Denkmal
Seit dem 1. Oktober 2024 fördert die Stadt Hildesheim gezielt denkmalgerechte Photovoltaik- und Solarthermie-Anlagen. Gefördert werden die Mehrkosten, die eine denkmalgerechte Anlage gegenüber einer Standardlösung verursacht - etwa farbangepasste oder in die Dachfläche integrierte Module auf, an oder in der Nähe eines Baudenkmals. Pro Maßnahme sind bis zu 5.000 Euro möglich, der gesamte Fördertopf liegt bei 35.000 Euro.
Für eine Stadt mit so viel denkmalgeschütztem Bestand ist das ein wichtiger Hebel: Es macht Solarenergie genau dort möglich, wo sie der Denkmalschutz sonst oft ausbremst. Wer ein Baudenkmal besitzt, sollte vor der Anlagenplanung sowohl die Untere Denkmalschutzbehörde als auch diese Förderrichtlinie prüfen.
Daneben unterstützt die Stadt im Rahmen der Stadterneuerung über die Fassaden- und Hofförderrichtlinie die Aufwertung von Fassaden und Höfen in den ausgewiesenen Sanierungsgebieten - inklusive Begrünung und Entsiegelung, die dem Stadtklima zugutekommen.
Die Bundesebene: BAFA für die Hülle, KfW für die Heizung
Den größten Teil der Sanierungsförderung trägt der Bund über die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG). Die Aufgabenteilung ist seit Ende 2023 klar geregelt: Einzelmaßnahmen an der Gebäudehülle - also Dämmung von Dach, Fassade und Keller sowie der Fenstertausch - laufen ebenso wie Heizungsoptimierung über das BAFA. Der Austausch der Heizung selbst, etwa der Umstieg auf eine Wärmepumpe, wird dagegen über die KfW gefördert. Hier sind eine Grundförderung von 30 Prozent und über verschiedene Boni bis zu 70 Prozent Zuschuss erreichbar.
Ein praktischer Hinweis: Förderhöhen und Bedingungen ändern sich regelmäßig. Lass die aktuelle Lage vor jedem Antrag bei der Energieberatung oder einem Energie-Effizienz-Experten prüfen - und stell den Antrag immer vor Auftragsvergabe.
Gemeingut eG: gebauter Beweis im Ostend
Dass ökologisches Wohnen in Hildesheim nicht nur Theorie ist, steht im Ostend. Dort hat die Genossenschaft Gemeingut eG auf einem ehemaligen Bundeswehr-Gelände einen markanten Gebäudekomplex mit Holzfassade errichtet: 43 Genossenschaftswohnungen zwischen 30 und 118 Quadratmetern, geplant von den Architekten Christian Stock und Arnd Biernath.
Das Gebäude ist ein Holzskelettbau - nur Treppenhauskerne und Keller wurden massiv ausgeführt, die Fassade besteht aus vorgefertigten, gedämmten Holzrahmen-Elementen. Holz bindet CO₂, statt es wie Beton bei der Herstellung freizusetzen, und die Vorfertigung verkürzt die Bauzeit. Alle Wohnungen sind barrierefrei und haben Terrasse oder Balkon.
Genauso interessant wie die Bauweise ist das Modell dahinter. Als Genossenschaft gehört das Haus seinen Mitgliedern gemeinsam. Wer einzieht, zeichnet Genossenschaftsanteile und erhält im Gegenzug ein lebenslanges Wohnrecht, Mitbestimmung und Schutz vor Eigenbedarfskündigung oder Spekulation. Das Projekt versteht sich ausdrücklich als selbstorganisiert, ökologisch-nachhaltig und sozial - eine Antwort auf steigende Mieten, die das Haus dauerhaft dem Markt entzieht.
Holzbau-Wissen vor der Haustür: die HAWK
Hildesheim hat einen Standortvorteil, der beim ökologischen Bauen selten genannt wird: die HAWK und ihre Fakultät Bauen und Erhalten. Sie bildet in vier Studiengängen aus - Architektur, Bauingenieurwesen, Holzingenieurwesen sowie Konservierung und Restaurierung - und deckt damit genau die Schnittstelle ab, um die es hier geht: neu bauen mit Holz und alten Bestand fachgerecht erhalten.
Der Studiengang Holzingenieurwesen ist ein eigenständiger Bachelor über sieben Semester mit den Schwerpunkten konstruktiver Holzbau sowie Möbel und Ausbau; ein eigenes Holztechnik-Labor gehört dazu. Im Architekturstudium sind die Grundlagen des klimagerechten Bauens mit passiven Maßnahmen fest verankert. Für die Region heißt das: ausgebildete Fachkräfte und Holzbau-Kompetenz wachsen direkt hier nach - eine Grundlage dafür, dass Projekte wie Gemeingut keine Einzelfälle bleiben.
Naturbaustoffe - besonders sinnvoll im Altbau
Ökologisch bauen heißt nicht nur Energie sparen, sondern auch die richtigen Materialien wählen. Gerade im Hildesheimer Altbau spielen Naturbaustoffe ihre Stärke aus: Lehmputz und Lehmbauplatten regulieren Feuchte und sorgen für ein angenehmes Raumklima, Dämmstoffe aus Holzfaser, Hanf, Zellulose oder Stroh kommen ohne erdölbasierte Dämmung aus. In einem alten Haus mit diffusionsoffenen Wänden ist das oft die bauphysikalisch klügere Wahl als eine dichte Standarddämmung, die Feuchteschäden riskiert.
Die Herausforderung ist, passende Fachbetriebe zu finden - hier wird es schnell speziell. Drei verlässliche Wege: Der Dachverband Lehm führt ein nach Postleitzahl filterbares Verzeichnis zertifizierter Lehmbau-Betriebe. Das Partnernetzwerk des ebz Hildesheim listet regionale Handwerksbetriebe für Dämmung, Fenster und nachhaltiges Bauen. Und die kostenlose Energieberatung der Klimaschutzagentur kann erste Empfehlungen geben, welcher Aufbau für dein Haus überhaupt sinnvoll ist.
Faustregel für den Bestand: Erst die Bauphysik verstehen, dann das Material wählen. Was im Neubau funktioniert, kann im ungedämmten Fachwerk Schaden anrichten - und umgekehrt. Eine Beratung vor dem Materialkauf ist hier keine Förmlichkeit, sondern Schadensvermeidung.
Erster Schritt: Beratung statt Baumarkt
Ob Solaranlage aufs Denkmal, Wärmepumpe oder Dämmung mit Naturbaustoffen - der günstigste Schritt ist immer die unabhängige Erstberatung. Im Landkreis Hildesheim kostet sie nichts.
Zur Klimaschutzagentur HildesheimWeiterführende Links
Klimaschutzagentur Hildesheim
Kostenlose und unabhängige Energieberatung
ebz Hildesheim
Sanierungsbegleitung und Architekten-Netzwerk
Gemeingut eG
Genossenschaftliches Holzbau-Wohnen im Ostend
Klimaschutz der Stadt
Klimaschutzkonzept und Förderprogramme
HAWK Holzingenieurwesen
Bachelor-Studiengang konstruktiver Holzbau
Dachverband Lehm
Verzeichnis zertifizierter Lehmbau-Betriebe
BAFA - BEG-Förderung
Zuschüsse für Dämmung und Gebäudehülle
Hausbaujournal
Ratgeber zu Hausbaukosten, Finanzierung und Energieeffizienz
StadtLABOR Hildesheim
Netzwerk der Nachhaltigkeitsbewegung vor Ort